Privacy Gateway – kommerzielle KI nutzen, ohne Klardaten herauszugeben

Selbst gebaut, produktiv im Einsatz – kein anonymisiertes Beispiel. Geprüft am 31. Juli 2026.

Aufgabentyp
Compliance
Betrieb
Self-hosted
Aufwand
Groß
Zeitrahmen
Neun abgegrenzte Arbeitspakete, KI-gestützt entwickelt
Quelle
Eigenes Projekt, lauffähig, Erkennungsqualität gemessen

Aufgabe

Kommerzielle Sprachmodelle sind bei Zusammenfassungen, Formulierungen und Auswertungen den selbst betriebenen Modellen deutlich voraus. Nur enthalten die Unterlagen, um die es im Alltag geht – Rechnungen, Support-Mails, Kundenlisten – genau die Daten, die dort nicht hingehören. Die verbreitete Antwort, vor dem Prompt eben die Namen zu schwärzen, hält der Praxis nicht stand.

Lösungsweg

Selbst gebautes Gateway zwischen der eigenen Organisation und dem Anbieter. Eingaben und Dokumente werden pseudonymisiert, ein Mensch prüft jede Fundstelle, das Modell sieht nur Platzhalter, die Antwort wird nach Freigabe zurückübersetzt. Erkennung über Presidio mit eigenen deutschen Regeln, Weiterleitung über einen LiteLLM-Proxy, verschlüsselte Zuordnungstabelle mit Löschfrist, Auditbericht je Fall.

Kontrollpunkt Ein Mensch prüft oder gibt das Ergebnis frei.

Wie es technisch abläuft

Jeder Schritt bleibt einzeln prüfbar; Komponenten werden nur dort genannt, wo sie festgelegt sind.

  1. 01 Dokument oder Eingabe PDF, DOCX, E-Mail, Excel
  2. 02 Erkennung Presidio + eigene Regeln
  3. 03 Menschliche Prüfung Fundstellenansicht
  4. 04 Weiterleitung LiteLLM-Proxy
  5. 05 Rückübersetzung verschlüsselte Token-Map

Vorher und Nachher

Die Veränderung wird als Arbeitsablauf beschrieben, nicht als Erfolgsversprechen.

Vorher

  • Vertrauliche Unterlagen bleiben von KI-Werkzeugen ausgeschlossen
  • Oder sie landen von Hand geschwärzt trotzdem im Prompt
  • Kein Nachweis, was der Anbieter tatsächlich gesehen hat

Nachher

  • Jede Fundstelle einzeln entscheidbar, bevor etwas das Haus verlässt
  • Antwort kommt mit echten Namen zurück, das Modell kannte sie nie
  • Auditbericht je Fall als Grundlage für die Nachweispflicht

Dokumentierte Ergebniswerte

Die Werte gelten im jeweils beschriebenen Szenario und sind kein allgemeiner Benchmark.

Abdeckung auf 479 geprüften Fundstellen
0,973
Recall bei IBAN, Steuer-IdNr., Kennzeichen
1,000
Befunde aus dem Sicherheits-Review, alle behoben
19

Grenzen und bewusste Entscheidungen

Diese Bedingungen gehören zum Lösungsweg und dürfen nicht aus dem Szenario herausgekürzt werden.

  • Ersetzt weder Auftragsverarbeitungsvertrag noch Verarbeitungsverzeichnis
  • Gesundheits- und Beschäftigtendaten ausgeschlossen
  • Auf gescannten Unterlagen bricht die Erkennung bei Nummern mit Prüfziffer ein
  • Ausgelegt auf einen kleinen Nutzerkreis, kein Mehrmandantenbetrieb

Werkzeug-Stack

Microsoft Presidio orchestrierung LiteLLM llm-zugang FastAPI rag-baustein SQLite, AES-GCM-Token-Map Docker Compose auf einem EU-VPS

Warum nicht einfach schwärzen

Ein Kundenname ist nicht das Problem. Das Problem ist die Kombination aus Postleitzahl, Vertragsnummer und Schadensdatum, aus der sich dieselbe Person rekonstruieren lässt, auch wenn der Name fehlt. Wer von Hand schwärzt, entfernt das Offensichtliche und übersieht das Rekonstruierbare.

Das Gateway macht daraus einen Vorgang mit einer festen Reihenfolge: erkennen, prüfen, ersetzen, senden, zurückübersetzen. Jeder Schritt hinterlässt einen Eintrag in einer verketteten Protokollspur, die selbst keine fachlichen Inhalte enthält.

Fundstellenansicht: erkannte Personennamen, IBAN und Kundennummer, je Treffer eine wählbare Aktion

Die Erkennung ist gemessen, nicht behauptet

Grundlage ist ein eigener Referenzdatensatz aus 66 erfundenen deutschen Geschäftstexten mit 593 annotierten Fundstellen: Rechnungen, Support-Mails, Außendienstnotizen, Verträge. Auf den 54 Beispielen im Abnahmeumfang liegt der Recall bei den Typen mit festem Format oder Prüfziffer bei 1,000, bei Personennamen und Organisationen bei 0,944. Typunabhängig sind 466 von 479 Fundstellen abgedeckt.

Die verbleibenden dreizehn sind neun Ortsnamen, die zugleich gewöhnliche Wörter sind – Essen, Hagen, Kiel –, und vier einzeln stehende Vor- oder Nachnamen aus schnell getippten Notizen, teils klein geschrieben. Beides schließt eine gepflegte Fallliste, kein größeres Modell.

Alle Werte je Entitätstyp, die Methode und die Grenzen der Messung stehen unter Messung der Erkennung.

Der Befund, der nicht im Plan stand

Werden dieselben Beispiele mit den Fehlern versehen, die Tesseract auf deutschen Geschäftsunterlagen tatsächlich macht, fällt der Recall der deterministischen Typen von 1,000 auf 0,695. Die Sozialversicherungsnummer landet bei 0,000, die Steuer-IdNr. bei 0,333.

Der Grund ist die Prüfziffer. Sie macht diese Erkennung im sauberen Text so präzise, und sie ist es, die ein O statt einer 0 zerstört. Namen und Organisationen bleiben im selben Durchlauf bei 0,960, weil statistische Erkennung ein vertauschtes Zeichen verkraftet.

Praktisch heißt das: Bei gescannten Unterlagen ist die Qualität der Texterkennung eine Sicherheitseigenschaft, keine Komfortfrage – und die Prüfung durch einen Menschen ist dort nicht Vorsicht, sondern notwendig.

Excel ist der unterschätzte Fall

Eine weitergegebene Tabelle enthält oft mehr, als sie zeigt: Formeln mit Bezügen auf gelöschte Spalten, ausgeblendete Blätter, Pivot-Zwischenspeicher, Kommentare. Das Gateway erzeugt deshalb eine reine Werte-Kopie und entfernt diese Bestandteile, statt nur die sichtbaren Zellen zu ersetzen. Je Spalte ist wählbar, ob sie tokenisiert, entfernt, vergröbert oder unverändert übernommen wird.

Spaltenübersicht einer hochgeladenen Tabelle mit Beispielwerten und wählbarer Aktion je Spalte

Rückübersetzung mit Freigabe

Die Antwort des Modells läuft vor der Anzeige noch einmal durch dieselbe Erkennung. Erst nach ausdrücklicher Freigabe werden die Platzhalter durch die Klarwerte ersetzt. Die Zuordnung liegt AES-GCM-verschlüsselt, fallbezogen und mit Ablaufdatum; nach Fristablauf ist die Rückübersetzung nicht mehr möglich.

Antwort des Modells mit sichtbaren Platzhaltern vor der Rückübersetzung

Was der Sicherheits-Review gefunden hat

Nach Abschluss der Entwicklung wurde der Gesamtstand gegen das eigene Bedrohungsmodell geprüft. Ergebnis: 19 Befunde, inzwischen alle behoben, mit Regressionstests je Befundnummer.

Der wichtigste war unscheinbar. Ein Dokument, das nie analysiert wurde, galt als fertig bearbeitet – die Fundstellenliste war leer, also war nichts offen, also durfte es an das Modell. Im Klartext. Heute verlangen Export und Versand einen nachweislich abgeschlossenen Erkennungslauf.

Ein zweiter Befund betraf die Anmeldung: Hinter dem Reverse-Proxy sah die Anwendung nur dessen Container-Adresse, wodurch die Sperre nach zu vielen Fehlversuchen nicht einen Angreifer, sondern alle Nutzer gleichzeitig traf.

Was das Gateway nicht leistet

Pseudonymisierte Daten bleiben personenbezogen im Sinne der DSGVO. Die Übermittlung an ein kommerzielles Modell bleibt eine Verarbeitung, die eine Rechtsgrundlage und einen Auftragsverarbeitungsvertrag braucht. Das Gateway senkt das Risiko und liefert den Nachweis, es stellt keine Konformität her.

Für Auswertungen ohne Rückrechenbarkeit ist Pseudonymisierung ohnehin das falsche Werkzeug; das wäre echte Anonymisierung, und dafür gelten andere Verfahren. Der Unterschied ist unter Pseudonymisierung & Anonymisierung beschrieben.