Wo rechnet mein Modell, und wie belege ich das?

Direktvertrag vs. Hyperscaler vs. Gateway vs. Eigenbetrieb

Wo Daten liegen und wo gerechnet wird, sind zwei verschiedene Fragen. Ein Tarif kann EU-Speicherung zusagen und die Anfrage trotzdem in den USA verarbeiten. Die Route entscheidet, nicht der Anbieter.

Verglichene Wege.

  1. 01 Direktvertrag
  2. 02 Hyperscaler
  3. 03 Gateway
  4. 04 Eigenbetrieb

Datenschutz & Verarbeitung

Kurz eingeordnet.

Speicherort und Rechenort sind zwei Fragen; die vier Routen unterscheiden sich vor allem darin, wie weit der Beleg für eine EU-Verarbeitung trägt.

Zum vollständigen Vergleich
Inhalt 9 Kapitel
  1. 01 Worum es geht
  2. 02 Vergleich
  3. 03 Stand der Anbieter, Oktober 2026
  4. 04 Was wir selbst machen
  5. 05 Praktische Heuristik
  6. 06 Entscheidungssatz
  7. 07 Widersprüche / offene Fragen
  8. 08 Verwandte Seiten
  9. 09 Im Wiki

Worum es geht

Wo Daten liegen und wo gerechnet wird, sind zwei verschiedene Fragen. Ein Tarif kann EU-Speicherung zusagen und die Anfrage trotzdem in den USA verarbeiten. Die Route entscheidet, nicht der Anbieter. Wer EU-Verarbeitung zusagt, prüft sie pro Modell.

Für dieselbe Anfrage an dasselbe Modell gibt es vier Wege, und sie unterscheiden sich nicht im Ergebnis, sondern darin, wer Vertragspartner ist, wo die Rechenleistung steht und wie gut sich das belegen lässt:

  • Direktvertrag beim Modellanbieter: OpenAI, Anthropic, Google oder Mistral AI als unmittelbarer Auftragsverarbeiter.
  • Hyperscaler: dasselbe Modell über AWS Bedrock, Google Vertex oder Azure, gebucht in einer EU-Region.
  • Gateway: ein Vermittler wie OpenRouter, Requesty, Langdock oder ein selbst betriebener LiteLLM-Proxy sitzt zwischen Anwendung und Modell.
  • Eigenbetrieb offener Gewichte: DeepSeek, Qwen, GLM oder Mistral Open auf Scaleway, Nebius, Hetzner oder eigener Hardware.

Vergleich

DimensionDirektvertragHyperscalerGatewayEigenbetrieb
VertragspartnerModellanbieterCloud-AnbieterVermittler, Modellanbieter dahinterniemand oder Infrastrukturanbieter
Rechenort belegbarüber Vertrag und Tarifüber die gebuchte Regionnur über die Zusage des Vermittlersvollständig, es ist die eigene Maschine
Aufpreis für EUkeiner bis moderatrund 10 Prozent bei regionalen EndpunktenAufschlag des VermittlersHardware und Betrieb statt Tokenpreis
Modellauswahlein Anbieterwas der Hyperscaler führtbreit, Wechsel ohne Codeänderungoffene Gewichte
Frontier-Modellejajajanein
Wechselaufwandhoch, eigene APImittelgering, das ist der Zweckhoch
Zusätzliche Kettekeineeine Stufezwei Stufenkeine
Typischer Fallein Werkzeug, viele NutzerKonzernumfeld, bestehender Cloud-Vertragmehrere Modelle, wechselnde AnforderungenBerufsgeheimnis, Offline-Betrieb

Die zusätzliche Stufe beim Gateway ist kein Nachteil an sich, aber sie verschiebt die Beweislast: Man vertraut einer Zusage über eine Zusage.

Stand der Anbieter, Oktober 2026

AnbieterEU-SpeicherungEU-Inferenz
Anthropic direktneinnein
Claude über AWS Bedrockjaüber das EU-Inferenzprofil (sechs EU-Regionen); für die 5.5-Modelle kein Betrieb in einer einzelnen EU-Region
Claude über Google VertexjaEU-Multiregion; einzelne Regionen wie Frankfurt nur bis Sonnet 4.6
Claude in Microsoft Foundryneinnein
OpenAI Enterprise und APIjaja, seit 16.01.2026
OpenAI Business und Teamjanein
Google Gemini über VertexjaEU-Multiregion, auch für Gemini 3.7 und 3.8 Flash
Microsoft 365 CopilotjaEU Data Boundary, mit Vorbehalt
Mistraljanur über den EU-Endpunkt
OpenRouterkonfigurierbarnur im Business- oder Enterprise-Tarif
RequestyFrankfurt zugesagtpro Modell zu prüfen
Langdockja, EU-Deploymentfolgt dem Modell dahinter
Offene Gewichte im Eigenbetriebjaja

Acht Fußnoten zu dieser Tabelle, weil das Wesentliche selten in der Spalte steht:

Anthropic bietet direkt keine EU-Inferenz an; die API kennt für inference_geo nur "global" (Standard, beliebige Region) und "us". In der EU rechnet Claude ausschließlich über Bedrock oder Vertex, mit zehn Prozent Aufschlag auf regionale und Multiregion-Endpunkte. Bei Bedrock laufen Opus, Sonnet und Haiku 5.5 in der EU nur über das Profil eu.anthropic.*, das auf Frankfurt, Stockholm, Mailand, Spanien, Irland und Paris verteilt; aus London oder Zürich aufgerufen, kommen diese Regionen als Ziel hinzu, und die liegen außerhalb der EU (AWS-Modellkarten, geprüft 12.10.2026). Bei Vertex gibt es einzelne Regionen wie Frankfurt nur bis Sonnet 4.6, neuere Modelle laufen global oder in der EU-Multiregion (Anthropic-Doku, geprüft 12.10.2026). Bis 05.10.2026 stand hier „Irland, Stockholm, Frankfurt“ für Bedrock und „Frankfurt“ für Vertex. Claude in Microsoft Foundry ist seit Juli 2026 verfügbar, die Anthropic-Doku nennt dort nur Global Standard und US Data Zone; eine EU-Data-Zone ist angekündigt, ein Datum dafür gibt es nicht.

OpenAI hat In-Region-Inferenz in Europa seit dem 16.01.2026, aber nur für Enterprise-Verträge und nur in neu angelegten Workspaces. Für Business- und Team-Pläne bleibt es bei EU-Speicherung. In der API läuft das über eu.api.openai.com nach Freigabe durch den Vertrieb und in einem neuen Projekt; für Modelle ab dem 05.03.2026 kostet das zehn Prozent Aufschlag (OpenAI-API-Doku „Your data“, geprüft 12.10.2026). „Ohne Aufpreis“ gilt damit höchstens für ChatGPT Enterprise.

Mistral speichert standardmäßig in der EU. Eine Zusage zum Rechenort gibt es aber nur für den EU-Endpunkt api.eu.mistral.ai, zum 1,1-fachen Listenpreis; für den Standard-Endpunkt legt sich Mistral ausdrücklich nicht fest (Mistral-Doku „Regional inference“, geprüft 12.10.2026). Bis 05.10.2026 stand hier ohne Einschränkung „ja“.

Microsoft 365 Copilot liegt in der EU Data Boundary, mit zwei Einschränkungen: „Flex Routing“ kann bei Lastspitzen in den USA, Kanada oder Australien rechnen, ist für ab dem 25.03.2026 angelegte Tenants standardmäßig an und gehört im Admin Center abgeschaltet; die in Copilot eingebundenen Claude-Modelle liegen außerhalb der Boundary und sind in EU, EFTA und UK standardmäßig aus.

OpenRouter bietet EU-Routing über eu.openrouter.ai im Business- und im Enterprise-Tarif an (OpenRouter-Dokumentation, geprüft 05.10.2026; im Juni 2026 noch nur Enterprise). Alle anderen können Provider filtern und Zero Data Retention erzwingen — das beruht laut Anbieter selbst auf der Selbstauskunft der Modellanbieter, die Rechenzentrumsstandorte werden nicht verifiziert (Anbieterangabe, 22.06.2026).

Requesty betreibt ein Frankfurter Gateway, die Gesellschaft ist REQUESTY LTD mit Sitz im Vereinigten Königreich. Der Transfer dorthin stützt sich auf den EU-UK-Angemessenheitsbeschluss, am 19.12.2025 erneuert und bis zum 27.12.2031 gültig — eine eigene Rechtsgrundlage, nicht der Normalfall „alles in der EU“.

Langdock ist eine Arbeitsplattform mit Oberfläche und Governance, kein Modellanbieter. Das EU-Deployment betrifft die Plattform; die Residenzfrage verschiebt sich auf das Modell dahinter, sie verschwindet nicht.

Offene Gewichte (DeepSeek V4 und V4.1, Qwen 3.5 bis 3.8, GLM-5 bis 5.3, Mistral Open) laufen auf Scaleway, Nebius, Hetzner oder eigener Hardware. Es ist die einzige Zeile, in der die Frage nach dem Rechenort keine Vertragsfrage ist. Bei GLM gehört zur Modellwahl eine zweite Frage: GLM-5.3 (Zhipu, 14.08.2026, Gewichte rund zwei Wochen später) ist laut CAISI am NIST das bislang cyberfähigste veröffentlichte Modell mit offenen Gewichten, rund vier Monate hinter US-Frontier-Modellen (17.09.2026). Anthropic konnte die Schutzmechanismen mit einfachen Techniken in 64 bis 100 Prozent der Fälle umgehen (29.09.2026). Für den Rechenort ändert das nichts, wohl aber für den Betrieb: Wer GLM-5.3 selbst hostet, ist auch für den Missbrauchsschutz zuständig, etwa wer Zugang zum Endpunkt hat und was protokolliert wird. Einzelheiten in Modell-Landschaft 2026.

Google führt auf Vertex AI für Gemini 3.7 Flash (GA 13.08.2026) und 3.8 Flash (GA 02.09.2026) die Verarbeitung in den Multiregionen us und eu, einzelne EU-Regionen gibt es für beide nicht; Gemini 3.5 Flash läuft zusätzlich in London und Frankfurt (Vertex-Modellseiten, geprüft 12.10.2026). Bis 05.10.2026 stand der Punkt hier als strittig, weil eine Sekundärquelle vom Juli 2026 EU-Residenz nur bis Gemini 3.5 Flash nannte. Das ist für Vertex widerlegt. Für die Gemini-App und die Gemini-API außerhalb von Vertex ist damit nichts gesagt.

Was wir selbst machen

Die Wissenssuche auf go4ai.de lief bis zum 17.08.2026 über OpenRouter mit Gemini 2.5 Flash, also über einen US-Vermittler ohne EU-Inferenzzusage. Seit dem 17.08.2026 läuft sie über das EU-Gateway von Requesty an einen EU-Endpunkt von Google Vertex mit Gemini 3.7 Flash. Das ist der Gateway-Weg aus der Tabelle, mit allem, was daran hängt: Der Wechsel war eine Konfigurationszeile, die Modellwahl blieb frei, und die Zusage über den Rechenort ist eine Zusage des Vermittlers, keine eigene Messung.

Zwei Dinge, die dabei aufgefallen sind und die in keinem Anbietertext stehen. Erstens zieht ein solcher Wechsel Dokumentationspflichten nach sich: Empfänger und Drittlandbegründung in der Datenschutzerklärung waren nach dem Umstellen falsch, bis sie nachgezogen wurden. Zweitens ist der Vertragspartner nicht dort, wo die Rechenleistung steht. Requesty betreibt ein Frankfurter Gateway, die Gesellschaft sitzt im Vereinigten Königreich. Das ist zulässig, aber es ist ein Drittlandtransfer mit eigener Rechtsgrundlage, nicht der Normalfall „alles in der EU“.

Praktische Heuristik

  • Ein Werkzeug, viele Nutzer, keine besonderen Datenklassen → Direktvertrag. Die einfachste Kette ist die, die man am leichtesten belegt.
  • Bestehender Cloud-Vertrag mit AWS, Google oder Microsoft → Hyperscaler. Der Auftragsverarbeitungsvertrag existiert bereits, die Region ist buchbar, der Aufschlag ist kalkulierbar.
  • Mehrere Modelle, wechselnde Anforderungen, kleines Team → Gateway. Der Preis dafür ist eine zusätzliche Stufe in der Kette und eine Zusage, die man nicht selbst prüfen kann.
  • Berufsgeheimnis nach § 203 StGB, Art.-9-Daten, echte Offline-Anforderung → Eigenbetrieb. Nicht weil offene Gewichte besser wären, sondern weil nur hier die Frage nach dem Rechenort trivial ist.
  • Gemischte Lage → kombinieren. Ein Proxy wie LiteLLM vor mehreren Routen erlaubt, harmlose Anfragen billig und sensible Anfragen in der EU zu fahren, mit einer Schnittstelle für die Anwendung. So läuft der Privacy Gateway.

Entscheidungssatz

Nicht der Anbieter entscheidet, sondern die Route. Alle vier Wege können eine EU-Verarbeitung tragen, sie unterscheiden sich darin, wie weit der Beleg dafür trägt: vom eigenen Rechner über den gebuchten Regionsvertrag bis zur Zusage eines Vermittlers über eine Zusage. Wer EU-Verarbeitung zusagt, muss sagen können, welche Route gemeint ist und woran man sie erkennt. Die Antwort „unser Anbieter ist DSGVO-konform“ beantwortet die Frage nicht.

Widersprüche / offene Fragen

  • 05.10.2026: Die Bedrock-Doku (Regional availability) führt Claude Opus 5.5 und Sonnet 5.5 in den EU-Regionen nur über das geografische Inferenzprofil, In-Region allein Opus 5.5 in London. Ob die Zeile „Irland, Stockholm, Frankfurt“ für die neuen Claude-Modelle noch so stimmt und welche Zielregionen das EU-Profil nutzt, ist nicht geklärt. Ebenso nicht neu geprüft: die Claude-Regionen bei Google Vertex und die angekündigte EU-Data-Zone für Claude in Microsoft Foundry (die Anthropic-Doku nennt dort nur die US Data Zone).
    • 12.10.2026: Bedrock und Vertex geklärt und oben korrigiert. Die Anthropic-Übersicht der Bedrock-Regionen markiert Irland und Stockholm weiter als „In-region only“; das gilt je Region, nicht je Modell, die AWS-Modellkarten der 5.5-Modelle verneinen es. Für Foundry ist die angekündigte EU-Data-Zone weiter ohne Datum und ohne Primärbeleg auf der Anthropic-Doku.
  • 12.10.2026: Nicht neu belegt, weil help.openai.com und openai.com mit HTTP 403 antworten: Datum 16.01.2026, „nur neue Workspaces“ und Aufpreisfreiheit bei ChatGPT Enterprise. Ebenfalls offen: der Beleg für den Satz, OpenRouter verifiziere Rechenzentrumsstandorte nicht (die aktuelle Doku sagt das nur für Azure mit eigenem Schlüssel), und „Azure Frankfurt“ bei Langdock (die Sicherheitsseite nennt nur „servers inside the EU“).

Verwandte Seiten

Im Wiki

Fachliche Grundlage: Tool-Compliance-Matrix für KMU (Abschnitt Inferenz-Geografie), LLM-Anbieter und DSGVO — Risikomanagement statt Cloud-Act-Pauschalurteil, Modell-Landschaft 2026, LLM-Datenschutzrisiken, DSGVO-Pflichten für KMU. Anbieterprofile: OpenRouter, Requesty, Langdock, LiteLLM, Mistral AI.